Weimar
Nach G. Muches Rückkehr aus dem Krieg veröffentlichte der Architekt W. Gropius einen Aufsatz zu einer Ausstellung des Arbeitsrats für Kunst, dessen Vorsitzender er war, kurz vor dem Bauhausaufruf. In beiden Schriften schrieb Gropius von der Erneuerung in der Kunst, die er um einer sich neu zu formenden Architektur sah.
Im Herbst des gleichen Jahres bekam Georg Muche einen Brief von W. Gropius mit dem Vorschlag sich Bauhaus anzuschließen.
Im Weimar leitete G. Muche die Webereiwerkstatt als Formmeister. Im laufe der Zeit entwickelte sich seine Begeisterung für die Architektur, und neben dem Unterricht an der Werkstatt und dessen Leitung beschäftigte er sich mit Architekturentwürfen. Später in seiner Autobiographie schreibt er über sich selbst als über den einzigen Bauhausmeister, "der glaubte, daß es notwending sei, sich mit dem Bauhaus so zu identifizieren, daß aus dem Maler ein Architekt werden müsse".
Mit der Ausstellung 1923 kam die Gelegenheitm, sich an einer realer Bauaufgabe zu versuchen.
Das Versuchshaus
Der Mittelpunkt der Ausstellung 1923 stellte das Versuchshaus dar, das von den Bauhäuslern gebaut und ausgestattet wurde. Es gab viele verschiedene Meinungen, wie es zu bauen sei.
Naive, ausgearbeitete, zugespitzte und nüchterne. Studenten und Formmeister machten Ihre Entwürfe und versuchten sich gegenseitig zu überzeugen. Die Streitigkeiten entmutigten G. Muche zunächst, sich an der Aufgabe zu beteiligen. Als die Seiten sich aber gegenseitig nicht überzeugen konnten, brachte er seinen Entwurf in die Diskussion und gewann die Zustimmung anderer.
Das Raumprogramm und die Struktur des Grundrisses stützte sich auf die Weltanschauung, zu der er sich zu der Zeit bekennte, und die er mit Johannes Itten, dem damaligen Vorkursleiter am Bauhaus, zu verbreitern versuchte.
Mit dem Bau des Versuchshauses bekam die Auseinandersetzung mit der Architektur Substanz. An diesem Bau wirkte er zum ersten Mal als entwerfender Architekt, und machte die Erfahrung der Ausarbeitung eigener Entwurfsideen bis zu der Verwirklichung.
Dies hatte eine prägende Wirkung auf die Identität des Malers am Bauhaus. Identifizierte er sich bis dahin primär mit der Webereiwerkstatt, so spielte jetzt die Architektur eine zumindest gleich wichtige Rolle.
Kurz nach der Ausstellung brach eine "Pause" am Bauhaus im Zusammenhang mit der unentschiedenen Lage, dem Fortbestehen des Bauhauses im Weimar und den späteren Umzugsplänen ein. Fest entschieden, das Erreichte auszubauen, nutzt G. Muche die Zeit für eine Bildungsreise nach USA. Das Ziel der Reise im 1924 - die Vergegenwärtigung der industrieller Bauweise in Amerika.
Dessau
Ab 1. April 1925 ist der Bauhaus im Dessau. Hier aber schlägt er eine Richtung an, die am Anfang wenig und später keine Zustimmung zwischen den Studierenden und den Meistern findet. Später spitzten sich die Unstimmigkeiten so weit zu, dass die Bauhäusler sich von G.Muches Ideen öffentlich distanzierten.
G. Muche forderte das Bau vorfabrizierter Häuser und bestritt die Rolle der Architektur im Wohnungsbau. Das Wohnhaus sah er als ein komplett vorgefertigtes Industrieprodukt, vorzüglich aus Stahl. Dieses Material hielt er für die maximale Industrialisierung des Wohnungsbaus am meisten geeignet.
Diese Ideen, die er in der Bauhauszeitschrift veröffentlichte, finden keine Zustimmung am Bauhaus. An der Bauhausausstellung 1926 wollte Muche aber trotzdem seine Ideen vorstellen. Mit dem Einverständnis von Gropius baute er einen Metalltypenhaus, mit ausdrücklicher Distanzierung des Bauhauses. Der Student der Technischen Hochschule Richard Paulick stellte sich Ihm zur Seite.
Als nach der Ausstellung 1926 Muche klar geworden war, dass er für Seine Ideen am Bauhaus keine Zustimmung finden wird, verließ er das Bauhaus. Damit endete auch seine direkte und intensive Beschäftigung mit der Architektur. Er verließ das Bauhaus mit seiner "neuen" Selbstindetität als Künstler, die er wiederfand, überzeugt in eigener Vorstellung von der Bestimmung der moderner Kunst, die sich von der am Bauhaus vertretenen deutlich unterschied, gar für keine Gemeinsamkeiten Raum übrig ließ.
Biographie
Georg Muche
1895 Qürfurt/Sachsen - 1987 Lindau/Bodensee
Maler und Grafiker

1913
Studium der Malerei an der Azbé-Kunstschule in München. Seit 1914 in Berlin, bekommt er Kontakt zur Gruppe um die Galerie "Der Sturm". 1916 zusammen mit Max Ernst erste Ausstellung in der Galerie "Der Sturm". Weitere Ausstellungen bis 1919. Lehrer für Malerei an der Kunstschule des Sturm.
1920-1927
Meister am Bauhaus.
1921, 1922
Unterricht im Vorkurs am Bauhaus.
Seit 1921, 1922
Formmeister der Weberei.
1923
Leitung der Ausstellungskommission für die Bauhaus-Ausstellung, für die das von ihm entworfene "Haus am Horn" gebaut wird.
1924
Studienreise in die USA.
1926
Errichtet G. Muche mit Hilfe des Architekturstudenten Richard Paulick ein Haus aus vorfabrizierten Stahlplatten.
1927-1930
Lehrer an der Ittenschule in Berlin.
1931 bis zur Entlassung 1933
Professor für Malerei an der staatlichen Akademie, Breslau.
Bis 1938
Lehrer an der von Hugo Häring geleiteten Schule "Kunst und Werk" in Berlin.
1939-1958
Leiter der Meisterklasse für Textilkunst an der Ingenieurschule in Krefeld.
1960
Übersiedlung nach Lindau/Bodensee, tätig als freier Maler und Grafiker.
http://www.bauhaus.de/bauhaus1919/biographien/biographie_muche.htm
S.165 - Ausstellung des Arbeitsrats für Kunst. April 1919. Walter Gropius
... Maler und Bildhauerm durchbrecht also die Schranken zur Architektur und werdet Mitbauende, Mitringende um das letzte Ziel der Kunst: die schöpferische Konzeption der Zukunftskathedrale, die wieder alles in einer Gestalt sein wird, Architektur und Plastik und Malerei. ...
... Maler und Bildhauer, werdet auch ihr wieder Handwerker, zerschlagt die Rahmen der Salonkunst um euren Bilder, geht in die Bauten, segnet sie mit Farbmärchen, meißelt Gedanken in die nackten Wände und Baut in der Phantasie, unbekümmert um technische Schwierigkeiten. Gnade der Phantasie ist wichtiger als alle Technik, die sich immer dem Gestaltungswillen der Menschen fügt. Es gibt ja heute noch keinen Architekten, wir alle sind nur Vorbereitende dessen, der einmal wieder den Namen Architekt verdienen wird, denn das heißt: Herr der Kunst, der aus Wüsten Gärten bauen und Wunder in den Himmel türmen wird.
Weimar, 29.10.19. Walter Gropius an Georg Muche
Sehr geehrter Herr Muche,
durch Herrn Molzahn höre ich, daß Sie geneigt wären, nach Weimar zu kommen, wenn wir Ihnen einen Arbeitsraum zur Verfügung stellen. Ich würde Ihr Kommen sehr begrüßen. Es kommt jetzt vor allem darauf an, eine gescholssene Phlanax hier zusamenzuschließen, die nicht mehr umgerannt werden kann. Ich will Ihnen offen schreiben, wie die Dinge liegen. Die Bürgermeute heult gewaltig gegen mich. Zur Zeit müssen alle Schritte in der Stille geschehen, damit sie nicht hintertrieben werden können.
S.168 - "Blikpunkt", 1961 München. Georg Muche
Ich konnte nur wenige Bilder malen, weil der Unterricht, die Leitung, der Weberei, die Organisation der Bauhausausstellung 1923, der Bau des Versuchshauses in Weimar und die Beschäftigung mit architektonischen Entwürfen kaum Zeit übrigließen.
S.128 - "Blikpunkt", 1961 München. Georg Muche
Auch Gropius mußte Opfer bringen. Er baute das Haus nicht, das er als Mittelpunkt der Ausstellung gerne gebaut hätte. Er konnte es nicht bauen, weil es ihm nicht gelungen war, mit den nüchternen Plänen und Beispielen seines Architekturbüros die Jugend des Bauhauses zu überzeugen. Sie verschloß sich seinen Wortern. Sie hörte nicht auf Itten, nicht auf Klee, nicht auf Kandinsky. Das hatte einem der Jüngsten der Bauhausmeister Mut gemacht, von einer Sache zu reden, von der er nichts verstand. Er schilderte die Art und Weise, wie das Haus gebaut werden müßte und wie es im Grundriß, in der größe, in der Gliederung und Folge der Räume, in der Einrichtung der Zimmer, der Küche, des Kellers sein sollte, um junge Menschen der Wohnraum zu werden, in dem es schön sein würde, angenehm und yweckmäßig zu leben. Er erweckte Sehnsucht nach einer neuen Form des Daseins, und seine Zuhörer begeisterten sich an dem Gedanken, dieses Haus und nur dieses zu bauen und einzurichten, un den Werkstätten die Gegenstände zu entwerfen und anzufertigen. Das war der glückliche Augenblick, in dem Phantasie die Trägheit überwand. Im Rausch der Begeisterung ? die Architekten und die Werkmeister hatten große Bedenken ? forderten sie für die Sache, die sie zu ihrer eigenen machten, alles oder nichts, und so kam es, daß sie diesen Bauhausmeister auch zum Leiter der Ausstellungskommission wählten und an der Wahl nicht rütteln ließen. Gropius half als sei es seine eigene Sache.
S.168 - "Blikpunkt", 1961 München. Georg Muche
Mißlungen ist am Bauhaus das Bemühen von Itten und mir, einen Beitrag zu einer neuen Formung des menschlichen Zusammenlebens zu leisten. Unsäre Pläne, nach amreikanisch-östlichem Muster für eine unkonventionelle Lebensweise zu werben, endeten auf seltsame Weise, obwohl sie ernst gemeint waren.
S.129 - "Blikpunkt", 1961 München. Georg Muche
Der Bauhausmeister, nach dessen Plänen jenes Ausstellungshaus gebaut worden war und der von allen der einzige war, der glaubte, dass es notwendig sei, sich mit dem Bauhaus so zu identifizieren, dass aus dem Maler ein Architekt werden müsse, verlor seinen Halt, als er zur Zeit der zweiten Bauhausausstellung im Jahre 1926 in Dessau im Aufbegehren gegen die Stillarchitektur den Bau eines vorfabrizierten Hauses forderte und in der Öde seiner Vereinsamung, vom Bauhaus verlassen und allein wie ein Fremdling, aus Trotz ein Metalltypenhaus baute. Richard Paulick, ein junger Student und Schüler Poelzigs, stellte sich Ihm zur Seite.
Bauhaus-Zeitschrift Nr. 2, 1927. Georg Muche
Es gibt noch keine zeitgemäße Wohnhausproduktion. Der Hausbau ist Architektur geblieben Das dem heutigen Stand der Technik entsprechende haus wird nicht mehr der Architektur zugerechnet werden. Die Ablösung der handwerklichen Methode durch das technische Prinzip verändert die Situation von Grund auf. Das Haus wird Industrieprodukt. Die architektonische Formgebung wird nebensächlich. Sie wird überhaupt nicht mehr erlaubt sein. Die auf künstlerischer Ausformung technischer Konstruktion beruhende Gestaltungsweise und die dem künstlerischen Einfall enstpringende Proportion sind fremde Elemente im Industrieprodukt. Die technische Konstruktion enthält in sich schon eine Ihr "anhängende Schönheit". Die Formprobleme der Technik sind wissenschaftlicher, nicht künstlerischer Natur. Die technische Form ist die Synthese von Zweck und Material. Aus Ihr entsteht die organische Konstruktion und die ästhetische Form jenseits der schmückenden Absicht.
Bauhaus-Zeitschrift Nr. 1, 1926. Georg Muche
Der Versuch, die technische Produktion mit den bildnerischen Gesetzen im Sinne der abstrakten Gestaltung zu durchdringen, hat zu einem neuen Stil geführt, in dem das Ornament als unzeitgemäße Ausdrucksform vergangener handwerkskulturen keine Anwendung findet, der aber trizdem dekorativ bleibt. Einen nur dekorativen Still glaubte man aber gerade vermeiden zu können, weil die besondere Art der schöpferischen Erforschung elemetarer Formgesetze durch die abstrakte Malerei diese gesetze nicht nur bezug auf die bildende Kunst, sonder gerade in ihrer allgemeingültigen Bedeutung aufgedeckt zu haben schien.
Die Begeisterung für die Technik wurde außerdem so groß, daß der Künstler mit erkenntnistheoretischen, oft allzu logischen, Argumenten sich selbst vereinte, Das Quadrat wurde letztes Bildelement für die überflüssige ? für die sterbende ? Malerei.

... Die Industrieform entsteht im Gegensatz zur Kunstform überindividuell als Ergebnis einer objektiven Problemstellung...

Ein Zeitalter - "das technische Zeitalter" - will sich vollenden.
Die vorausgegangene Durchdringung von bildender Kunst und Technick war ein Moment von höchster Bedeutung. Sie befreite die technik von der letzten Bindung an eine veraltete Ästhetik, indem die Kunst ab absurdum geführt wurde, um nun darüber hinaus in der Unbegrnztheit der eigenen Wirklichkeit sich neu zu finden.
Die Kunst kann nicht zweckgebunden sein. Kunst und Technik sind nicht eine neue Einheit. Sie bleiben in ihrem schöpferischen Wer wesensverschieden. Die Grenzen der Technik sind durch die Wirklichkeit bestimmt. Die Kunst kann nicht anders als in der ideellen Zielsetzung zu Ihrem Wert gelangen. In ihrem Bereich koinzidieren die Gegensätze. Sie entsteht fern von jeder technischen Bindung in der Utopie ihrer eigenen Wirklichkeit.
Das künstlerische Formelement ist ein Fremdkörper im Industrieprodukt. Die technische Bindung macht die Kunst zu einem nutzlosem Etwas ? die Kunst, die allein über die Grenze des Gedankens hinaus zur Größe schöpferischer Ungebundenheit einen Ausblick geben kann.
Bauhaus Dessau, am 11.Juli 1926. Georg Muche, Briefe. S.170 - "Blikpunkt", 1961 München. Georg Muche
Hier ist es für mich schrecklich. Ich wäre sehr deprimiert, wenn ich mich nicht mit aller Gewalt aufrecht halten würde. Es kann nicht der geringste Zweifel mehr bestehen, dass ich im April von hier weggehen werde. Am liebsten schon heute. Ich bin allem und fast allen im tiefsten Grunde entfremdet. Nicht etwa, dass hier äußeren Verhältnisse und die menschlichen Beziehungen unfreundlich wären, sondern weil ich mich mit meinen, wenn auch vorläufig noch so vagen Zielen und Vorstellungen durchaus nicht mehr mit dem Bauhaus identifizieren kann. Mich langweilt alles furchtbar, und eine neutrale Umgebung muss unter diesen Umständen besser für mich sein.
Bauhaus Dessau, am 18. Februar 1927. Georg Muche, Briefe. S.170 - "Blikpunkt", 1961 München. Georg Muche
Wenn ich an Berlin denke und dann feststell, daß ich hier bin, wird mir elend zumute. Ich will so schnell wie möglich von hier fort. Nicht, da´wieder einmal etwas Besonderes vorgefallen wäre ? gar nicht, aber auch die Herzlichkeit der Freunde kann nich darüber hinwegtäuschen, daß im Grunde doch niemand Sinn und Verständniss für meine Lage hat. Braucht auch nicht. Nur in den seltensten Fällen kann man das erwarten, und man soll nie damit rechnen.
Ich will schnell wieder nach Berlin kommen, vorher hier alles in Ordnung bringen, um möglichst nicht mehr zurückzukehren. Ich weiß, daß zunächst eine schwierige Zeit kommen wird, und ich weiß, das ich ein Mensch bin, den das Schwere bedrücken wird. Ich mache mir in dieser Hinsicht keine Illusionen. Aber es geht nicht anders. Es muß sein, und es wird gut für mich sein. Ich will nicht mit Kandinsky und Klee alt werden ? auch mit Moholy nicht.